Stille, so wie sie z.B. in der Wüste zu erfahren ist, zieht im Organismus eine lang anhaltende Entspannung nach sich. Meist wird erst mit der Erfahrung des Gegensatzes bewusst, wie stressreich und Anspruch beladen eine Alltagsführung in unserem Kulturkreis ist. Vertraute Alltagshandlungen sind darauf ausgerichtet innere und äußere Ansprüche zu erfüllen und ständig Erfahrungen zu bewerten. Das führt für einen Betroffenen zu einer dauerhafte Leistungsspannung mit allen neurobiologischen Prozessen, die auch die „Auswahl“ der wahrzunehmenden Erfahrungen und die Inhalte der Gedankentätigkeit betreffen. So konzentrieren sich die Wahrnehmungsfähigkeit und Gedanken bei anhaltendem Stress in erster Linie auf Einflüsse, die ihn auslösen – etwa Termine, berufliche Leistungen, persönliche Anforderungen, Konflikte.
So ist sicher bekannt, dass ein Problem in einem gestressten Zustand zu weiteren Stress und innerer Unruhe führt. Während dasselbe Problem bei Entspannung und Wohlbefinden nur kleine Irritationen hinterlässt oder Humor auslösen kann. Das heißt, je nach Spannungszustand eines Organismus beschäftigt sich ein Mensch gedanklich mit angenehmen oder unangenehmen Themen. Um nicht weiter zwingend, um ein Problemthema zu kreisen, ist es folgerichtig, dem Organismus die Möglichkeit zur Entspannung zu geben. Damit werden Probleme leichter.
Nicht nur Außenreize sondern auch das eigene Ego sorgt für Stress, der zu körperlicher Dauerspannung führen kann. Ein Ego erhält sich durch den Kontakt zu anderen Menschen und der darin eingebetteten Selbstbeurteilung, wo es sich in seinem menschlichen Umfeld ansiedeln möchte. (Ich bin größer als Eduard. Ich bin intelligenter als Markus. Ich habe ein wichtiges Problem, oder ich habe ein wichtigeres Problem als Mathilde.)
Beurteilungen für die Mitmenschen dienen ebenfalls der Selbsteinschätzung und dem Bedürfnis nach einer Identifikation. (So dumm, wie Franziska bin ich nicht. So ungeduldig wie Josef bin ich nicht, oder auch so gütig wie Theresa bin ich nicht.) Die Entscheidung auf Bewertungen zu verzichten, trägt logischerweise zum Abbau des Egos bei und führt zur Ruhe in der Gedankentätigkeit. Denn Vergleiche und Beurteilungen müssen nicht mehr den Geist beschäftigen. Auch Erwartungen an andere sind Bestandteil der Egodefinition und führen zu innerer Unruhe. (Wenn du den Müll nach draußen bringst, dann weiß ich, dass du mich magst. Weil es mir schlecht geht, erwarte ich, dass du dich um mich kümmerst.) Wird die Erwartung nicht erfüllt, löst das ein Gefühl, ähnlich einer Ablehnung aus. Je nach Häufigkeit der selbst hergestellten Ablehnungen können sie zu emotionalen Stress führen, oder zu einer intensiven Beschäftigung des Egos, wie man sich zukünftig nicht mehr abgelehnt fühlen würde.
Die Problematik, sich abhängig von Verhaltensweisen der Mitmenschen zu fühlen, weist auch auf den Versuch hin, sich selbst einzuschätzen und sich eine Ego-Identifikation zu geben. (Ich wäre ja toll, aber weil Gustav immer unerwartet zu mit kommt, kann ich nicht toll sein. Ich wäre ja kompetent, aber weil mein Chef mich nicht anerkennt, kann ich nicht kompetent sein.) Auch das sind Variationen der Selbstbeurteilung. (Ich bin eigentlich toll, aber wegen dem Verhalten eines anderen Menschen kann ich es nicht sein.) Diese Beurteilungsarbeit benötigt viel Aufmerksamkeit. Die Werte verändern sich ständig je nach Einschätzungsbereich. Oft sind Selbstzweifel die Folge, fordern Anstrengungen der Besserung heraus oder Mitmenschen müssen stets irgendwie minderwertig eingestuft werden, um sich selbst besser zu fühlen.
Um dem Stress zu entgehen, der durch das eigene Ego ausgelöst wird, meditieren Menschen auch häufig. Sie stellen dadurch eine Stille im Geist her. Auch in der Stille von außen kann man entdecken, dass die ständigen Vergleiche des Egos nachlassen und damit die Aufruhr im Inneren. Der Organismus entspannt sich. Die Sinneswahrnehmung wird intensiv, und die Zeit scheint langsamer zu vergehen. Wenn man sich selbst und die eigene Lebensweise in Entspannung betrachtet, ist weniger oder gar nicht mit Ansprüchen beladen.
Die Stille wird zur Heilkraft, weil sie im Organismus zu Entspannung führt. Und nur im entspannten Zustand wird das Immunsystem gestärkt. Sie wird zur Heilkraft, weil sie erkennen lässt, dass viele Turbulenzen, die vermeintlich in der Außenwelt stattfinden, durch die eigene Gedankentätigkeit erzeugt oder verstärkt werden, Wohlbefinden und Regeneration des Körpers verhindern.
Die Autorin Ute-Maria Graupner:
Geb. 1957 in Berlin
Vier Semester Sport- und Germanistik-Studium
Ausbildungen im Körper- und Bewegungsbereich:
Tanzpädagogik, Tanztherapie
Körpertherapien und Berührungstechnik:
nach Wilhelm Reich, der Lehre des Tao, sowie
Autogenes Training
Gesundheitsbildner des BVV
Seit 1987 Seminare Kreativität und Gesundheitsbildung
Seit 1993 Workshops im Ausland mit Methoden des Energiegewinns
Seit 2000 Ehrenamtliche Unterstützung von Beduinen
Seit 2002 Innerbetriebliche Stressbewältigung
Seit 2005 Veröffentlichung von Artikeln und Kurzgeschichten
Siehe auch www.kunst-gesundheit.com