- Eine Erzählung eines 11jährigen Mädchens -
Ja, nun war es endlich so weit, Sommerferien 2008 auch im Harz. Meine Mama, mein Papa und ich, wir wollten unbedingt Urlaub an der Nordsee machen. Da gibt es nämlich Ebbe und Flut. Also Meer geht weg, Meer kommt wieder. Leider konnte Papa nicht sehr früh sagen, wann genau er von seiner Firma frei bekommen würde. Nun ging das Suchen los. Mama hat überall angerufen, aber die Ferienwohnungen waren schon belegt. Dann hat sie im Internet das Gästehaus Admiral in Norddeich gefunden und eine Mail geschrieben. Wir hatten wirklich Glück. Da war noch die Friesenstube frei. Juhu, nun konnte unser Traum wahr werden! Die nette Besitzerin des Gästehauses fragte meine Mama: „Kommt denn ein Pirat oder eine Prinzessin mit Ihnen?“
Endlich ging es los. Ich war sehr aufgeregt, warum die Frau gefragt hatte. Als wir ankamen, hat sie uns herzlich begrüßt. Ich war so gespannt, wo ich denn schlafen sollte. Das hat die Besitzerin auch gemerkt. Dann hat sie eine Verbeugung gemacht und gesagt: „Eure Hoheit, darf ich Euch in Euer Gemach geleiten?“ Ich bin ganz rot geworden mit meinen 11 Jahren. War das toll! Ein eigenes Zimmer mit einem Spiegel, der so schön war, dass er nur einer Prinzessin gehören konnte. Davor stand ein bequemer Sessel, der als Thron benutzt werden wollte. Außerdem hatte ich noch einen CD-Player und ein Radio ganz für mich allein. Auch einen Kleiderschrank konnte ich mit meinen Sachen füllen. Hier hatte ich die alleinige Gewalt, hier durfte ich regieren. Mama und Papa hatten auch ein super großes Schlafzimmer.
Weil Papa vom Fahren müde war, haben Mama und ich uns erst einmal die Gästeinfomappe angesehen, die in der Ferienwohnung im Wohnzimmer bereit lag. Obwohl auch ein Farbfernsehen da war, fand ich die Mappe viel interessanter.
Oh da gibt es ja sooooo viel zu tun in Norddeich. Aber eins stand gleich fest für mich, ich wollte unbedingt zu den Muschelbänken durch das Watt wandern. Eine Wattwanderung, da musste ich nicht lange betteln. Auch Papa war sofort dafür.
Am nächsten Morgen haben wir gemütlich in der kleinen Küche von unserer Friesenstube gefrühstückt. Papa und ich haben vom Bäcker, der gar nicht weit ist, frische Brötchen geholt und Mama hat den Tisch gedeckt. Dann aber hurtig. Schnell fertig machen, denn heute wollten wir gleich zu den Muschelbänken. Da man sich erst später am Treffpunkt sammeln musste, sind wir erst einmal zum Nationalparkhaus im Wellenpark gegangen. Dort haben wir uns über das Leben im Wattenmeer informiert und die Fütterung der Seehunde gesehen. Die Seehundaufzuchtstation ist nämlich auch im Nationalparkhaus in Norddeich. Das war echt toll! Ich konnte gar nicht genug bekommen. Dann aber mussten wir uns plötzlich beeilen, wenn wir die Wattwanderung nicht verpassen wollten.
Das war ein Spaß! Papa hat uns durch den Wellenpark zum Treffpunkt gescheucht. Da standen schon ganz viele Familien. Und dann war da noch der Mann, der alles zu sagen hatte, Wattführer nennt man den. Erst hat auch er uns ganz viel über das Leben im Watt erzählt und über Wattwürmer und ganz kleine Lebewesen, Mikroorganismen heißen die – glaube ich. Wisst Ihr was ein Priel ist? Nee, ich meine nicht das Spülmittel und habe mich auch nicht verschrieben. Ein Priel ist so eine ganz kleine Rinne im Wattenmeer, die sich bei Flut als erstes wieder füllt. Meistens ist da auch noch etwas Wasser drin, wenn gerade Ebbe ist. Das Wattenmeer wird übrigens nur sichtbar, wenn Ebbe ist und das Wasser weggeht. Es geht so weit weg, dass man sogar zu den Inseln laufen kann. Aber das ist für Kinder ein bisschen weit. Da darf man nicht trödeln, denn schließlich kommt das Wasser ja wieder. Darum sind wir auch lieber mit unserem Wattführer zu den Muschelbänken gewandert. Der Mann war so zu sagen unser Kapitän. Was er befohlen hat, mussten wir ohne Murren und Knurren tun. Meistens haben erst wir Kinder eine Anweisung bekommen. Dann hieß es: „Alle Mann Achtung! Sofort auf dem Kinderdeck sammeln. Mamas und Papas auf dem Sandstreifen dahinter aufstellen!“ Dann hat er uns wieder alles Mögliche aus dem Meer gezeigt. Auch ganz tolle Muscheln. Und der hat uns erklärt, wie so eine Muschel lebt. Die ganz schönen gedrehten „Muscheln“ sind gar keine, sagt er, das sind die Gehäuse von Schnecken. Plötzlich habe ich mich sehr erschrocken. Da zwickte mich doch etwas in meinen Zeh, den ich aus meiner Plastiksandale gesteckt hatte. War da doch tatsächlich ein kleiner frecher Krebs. Den habe ich hoch genommen und den anderen gezeigt. Sofort hat unser „Kapitän“ uns über das Leben der Krebse berichtet. Aber das hat der so spannend getan, das kann man gar nicht so wiedererzählen. Eigentlich empfiehlt der Wattführer, dass man alte Turnschuhe –am besten Leinenturnschuhe – zur Wattwanderung anziehen soll. Die sitzen nämlich fest am Fuß, so bleibt man nicht so schnell im Schlick stecken – und es zwicken einen keine kleinen frechen Krebse. Der Schlick, das ist der Matsch im Wattenmeer. Der ist sehr gesund für die Haut. Die meisten Kinder sahen inzwischen aus wie kleine Schlick-Gespenster, ich auch. Deshalb sollte man auch nicht gerade die super tollsten Klamotten zur Kinderwattwanderung anziehen. Ist ja klar! Irgendwann mussten wir aber leider wieder zurück. Die ganze Zeit über im Watt haben wir einen Riesenspaß gehabt. Den Tag werde ich nicht vergessen.
Am Strand angekommen, sind wir alle der Reihe nach unter die Strandduschen gegangen. Schließlich konnten wir ja nicht als Schlickgespenster zum Gästehaus Admiral zurückgehen. So hätten wir das Haus wohl kaum betreten können. Als wir mit dem Hüpfen und Waschen unter der Dusche fertig waren, haben wir uns doch echt danach gesehnt, uns ‘mal hinlegen zu können. Allerdings hatte Mama für heute genug von Schlick und Sand – schade!!! Sie wollt gemütlich in unserer Ferienwohnung Kaffee trinken. Also haben wir auf dem Weg noch ein schönes Stück ostfriesischen Kuchen eingekauft.
Als wir an der Molenstraße 26 a ankamen, begrüßte uns unsere Vermieterin und fragte, was wir so gemacht hätten. Ich habe ihr alles erzählt. Mama und Papa, die haben sich erst einmal auf die Bank von unserem Freisitz gesetzt, aber ich, ich konnte gar nicht aufhören von der super, super tollen Wattwanderung zu erzählen. Unsere Vermieterin sagte, das soll ich doch einmal aufschreiben, damit auch andere Kinder im Gästehaus wissen, wie toll so ein Erlebnis ist. Ja, das habe ich nun getan und hoffe, dass noch viele Kinder des Gästehauses Admiral mit Ihren Eltern schnell eben zum Strand gehen und eine Wattwanderung machen. Wenn ich im nächsten Jahr wiederkomme, müssen wir das unbedingt noch einmal machen. Hoffentlich können wir dann wieder eine Wohnung an der Molenstraße 26 a in Norddeich bekommen! Am liebsten möchte ich dann wieder mein Prinzessinnenzimmer, obwohl Mama meint, eine Piratenflagge würde auch zu mir passen.
Copyright Monika Pfeiffer